Der Verband Kinder- und Jugendarbeit

Für das Recht, in Freiheit und Würde erzogen zu werden: Entschlossen OFFEN – Kein Ein- und Ausschluss in der Kinder- und Jugendhilfe

Am 13.7.2015 diskutierten VertreterInnen verschiedener Hamburger Verbände, Vereine und Organisationen in der Patriotischen Gesellschaft von 1765 über die Chancen und Möglichkeiten, pädagogisch begründeten Freiheitsentzug, Machtmissbrauch, Entwürdigung und Heimkarrieren in Hamburg zukünftig erfolgreich zu verhindern.

Es sprachen: Jan Pörksen, Tilman Lutz, Charlotte Köttgen,Wolfgang Hammer,Timm Kunstreich, Burkhard Czarnitzki, Maren Peter, Melanie Leonhard (SPD), Wolfgang Philipp Heißner (CDU), Anna Gallina (Bündnis 90 – Die Grünen), Sabine Boeddinghaus (die Linke) und Michael Lindenberg (Moderation).

Folgende der Vorträge vom 13.07.2015 stehen zum Download bereit:

  1. Prof. Dr. Tilman Lutz: Ausschließung und Einsperrung zum Wohl der Kinder und Jugendlichen?
  1. Dr. Charlotte Köttgen: Erziehen im Käfig erzieht zum Leben im Käfig – man könnte aus gelungenen Reformen lernen
  1. Dr. Wolfgang Hammer: Zur Macht der Freiheit in der Erziehung – Gedanken zu Ursachen und Folgen von Mut und Angst in Pädagogik und Politik
  2. Prof. Dr. Timm Kunstreich stellte die Kampagne des AKS „Dressur zur Mündigkeit? Für die Verwirklichung der UN Kinderrechts-Konvention statt Überwachen und Erniedrigen in den Grauzonen der Hilfen zur Erziehung!“ zur Diskussion.

Es referierten außerdem:

  1. Burkhard Czarnitzki stellte die Praxis des Projekts KIDS vor. Das Team arbeitet erfolgreich mit den gleichen Zielgruppen wie GU-Heime, aber mit entgegengesetzten Haltungen und Methoden. Mit seinem niedrigschwelligen Unterkunftsangebot SchlafStatt begegnet das KIDS den jungen Menschen weder mit Zwang noch mit „intensivpädagogischen Konzepten“, sondern mit den Methoden der Jugendsozialarbeit, mit den Prinzipien der Akzeptanz und der Parteilichkeit sowie einem möglichst hohen Maß an Normalität.
  2. Maren Peters stellte die Erfahrungen der Koordinierungsstelle vor. Diese arbeitet in Hamburg daran, die Jugendlichen mit dem, was sie selber wollen, wieder einzubeziehen und gute Lösungen im Trägerverbund zu finden. Dabei gehe es v.a. darum, die wiederkehrenden Eskalationsmechanismen in den einzelnen Hilfeprozessen zu erkennen, das Verfahren zu entschleunigen und mögliche Wege aus erweiterter Perspektive zu betrachten.

Diskussion mit der Politik: GU als Ausdruck von Ohnmacht

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion waren die Fachbehörde (Staatsrat Jan Pörksen), Dr. Wolfgang Hammer und Bürgerschaftsabgeordnete der Regierungsparteien, der CDU und der Linken vertreten. Im Fokus der Diskussion stand die Frage, inwieweit die GU als pädagogische Intervention zu rechtfertigen sei, bzw. welche Auswirkung die Existenz einer derartigen „ultima ratio“ auf das Hilfesystem hat.

Interessant an der Debatte, so im Info-Brief des Kinderschutzzentrums Hamburg vom Juli 2015 nachzulesen, war "der breit geteilte Tenor der Diskussion, die (Wieder-) Einführung einer geschlossenen Einrichtung als Ausdruck von Ohnmacht und Scheitern zu begreifen und als Aufforderung zu verstehen, durch Weiterentwicklung des Hilfesystems 'Jugendhilfekarrieren' viel früher und nachhaltiger entgegenzuwirken."

Dr. Wolfgang Hammer plädierte an die PolitikerInnen für ein gemeinsames Engagement gegen "schwarze Pädagogik im neuen Gewand":

"Sehr geehrte Damen und Herren, (...) Freiheit und Würde von Kinder sind nicht nur in geschlossenen Heimen bedroht. Sie sind ein Problem der gesamten Jugendhilfe und der ihr zugrunde liegenden Rechtsnormen, Strukturen und Haltungen. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung, dies zu ändern. Das kann Politik allein nicht schaffen. Es bedarf auch der Mitwirkungvon Praxis, Trägern sowie von Lehre und Forschung.Dabei müssen wir gemeinsam Rituale überwinden, die uns nicht weiterbringen wie z.B. alles auf Ressourcenknappheit zurückführen. 

Ich werde  in meinem Eingangsstatement auf die Umsetzung der Rechte der Kinder und Jugendlichen eingehen, die in der Jugendhilfe oftmals seit ihrer Geburt Stationen durchlaufen, die ihre Chance auf Förderung und freie  Entfaltung ihrer Persönlichkeit von Mal zu Mal mindern und die so zur Restgruppe werden, für die der Freiheitsentzug angeblich die ultima Ratio sein soll. Ebenso werde ich die Frage stellen, warum wir (Fachebene, Träger und Politik) immer noch einer schwarzen Pädagogik im neuen Gewand einen Stellenwert einräumen, der dazu führt, dass junge Menschen in auswärtigen Einrichtungen entwürdigt und wesentlicher  sozialer Kontakte beraubt werden.

Wir müssen darüber reden, wieso auch heute noch junge Menschen häufig kaum Einfluss haben, wie, wo und mit wem sie leben wollen und warum Kinder und Jugendliche, wenn Sie sich über Missstände und entwürdigende Erziehungspraktiken beschweren, nicht ernst genommen werden. Schließlich haben die Runden Tische zur Heimerziehung und zum Sexuellen Kindesmissbrauch auf Bundesebene zu der Verabredung aller Institutionen geführt, dass Beschwerden von Kindern ernstgenommenwerden und dass Anlaufstellen ausserhalb der Einrichtungen geschaffen werden müssen.

Um zu Lösungen zu kommen brauchen wir eine Gesamtsicht auf die Rechte von Kindern und Jugendlichen und die Bereitschaft vordergründige Rituale zwischen Regierung und Opposition zu überwinden. Ich stehe für diesen Weg - auch wenn er schwer ist -, denn ich weiss, dass die Kinder und Jugendlichen davon profitieren werden. Aus gut 10 Jahren, in denen ich die Aufgabe hatte, auf Bundesebene zwischen den Interessen der verschiedenen politischen Lager, den Interessen von Bund und Ländern und von Theorie und Praxis zu vermitteln, leite ich die Erwartung ab, dass Sie sich an diesem Prozess beteiligen".

Einen kompakten Veranstaltungsrückblick von FORUM-Redakteur Manuel Essberger erhalten Sie hier.

Mehr Infos zum Thema Geschlossene Unterbringung (GU) und einen Pressespiegel finden Sie auf der Seite vom Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung

 

 

Beiträge zu Heimerziehung und Meschenrechten aus dem FORUM-Archiv:

Wenn Eltern ihre Kinder in ähnlicher Form wie die Mitarbeiter der inzwischen geschlossenene Heime Schönhof oder der Haasenburg GmbH behandeln und „begrenzen“ würden – und bei ihnen im Hause vielleicht sogar für diese Zwecke Extraräume oder Extravorrichtungen (wie Pritschen mit Fixiergurten) gefunden würden –, müssten die Behörden die jugendlichen Objekte einer solche „Erziehung“ unverzüglich in Obhut nehmen.

FORUM-Beiträge zum Thema finden Sie in den Ausgaben Einschluss - Ausschluss (2/2015), Wenn Jugendhilfe das Leben zeichnet ... (3/2014), in Gefährdung eingeschlossen? (3/2013) und in vielen der anderen FOREN:

 

Hier einige der Hamburger fachpolitischen Statements:

 

 

"... die im Dunkeln sieht man nicht!" - eine Studie von Ursel Becher zu Kinderarmut in Hamburg

Armut und Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen sind zurzeit in Hamburg offensichtlich keine wirklich relevanten gesellschaftlichen und politischen Themen. Diskutiert werden gelegentlich – auch in den Medien – Einzelfälle: ein misshandeltes oder unterversorgtes Kind, auffällige Jugendliche. Das Thema wird stark individualisiert, versehen mit Schuldzuschreibungen an die Eltern, gelegentlich auch an "die Jugendhilfe" oder "die Schule". Mit struktureller Armut als Ursache entsprechender Situationen und Erscheinungsformen findet kaum eine Auseinandersetzung statt. So wird nur von sehr wenigen Menschen in dieser Stadt registriert, dass jedes fünfte Kind unter 6 Jahre (19,8%) 2003 von Sozialhilfe lebte und ca. jedes dritte Kind in der Altersstufe von einem Einkommen unter der von der EU-Kommission definierten Armutsgrenze lebt. "Die im Dunkeln sieht man nicht!"

Weitere Beiträge zum Thema:

 

 

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