Der Verband Kinder- und Jugendarbeit

"Über Tellerränder"

Liebe Leserinnen und liebe Leser!

Mit dieser Ausgabe des FORUM wagen wir Blicke über Tellerränder und nehmen dabei teilweise auch den Tellerrand selber aufs Korn. Oder auch diejenigen, die sich auf dem Tellerrand befinden, die eben nicht in trauter Eintracht mit den Fettaugen mitten im gut bürgerlich gekochten Eintopf schwimmen sondern am Rande hocken und abwarten müssen, ob etwas vom nahrhaften Mahl an den Rand schwappt. In Zeiten, in denen der „Sozialromantik“ mit Überzeugung abgeschworen wird, in der individuellen Notlagen – gewissermaßen aus der wohlgenährten „Mitte des Tellers“ heraus – der Generalverdacht schuldhaften Versagens angeheftet wird, in denen Anpassung als erklärtes Ziel auch in der Erziehung von Kleinkindern gilt und in denen die öffentlichen Kassen ohnehin nichts mehr zu „verschenken“ haben; in diesen Zeiten sind Tellerränder gleichermaßen populär wie unbequem. Populär, wenn es um die Eröffnung neuer Möglichkeiten zur Lösung gesellschaftlicher, politischer, pädagogischer oder welcher Fragen auch immer geht, z.B. durch die Einbeziehung fachfremder Wissensgebiete oder internationaler Erfahrungen. Unbequem sind Tellerränder, wenn sie Grenzen von sozialpolitischen Lösungsansätzen aufzeigen und gar deren Kehrseiten in den Fokus rücken; wenn sie Ausgrenzung transparent machen und Ausgegrenzten ein Gesicht verleihen. Dieses FORUM wirft sowohl kritische als auch nach Anregungen suchende Blicke auf und über Tellerränder.

Im ersten Beitrag nimmt das Team der Geschäftsstelle den derzeitigen neokonservativen Trend im Umgang mit Kindern und deren Familien zum Anlass für ein Plädoyer, Kinderrechte durch den Ausbau einer für Kinder und Familien tatsächlich zugänglichen und sozialräumlich bezogenen Infrastruktur abzusichern. Als ein Schritt in diese Richtung kann auch das Sozialraumprojekt „HüTN“ in Nordfriesland gelten, das im Anschluss von Birgt Stephan beschrieben wird. Weiter geht es mit Charlotte Köttgen, die anhand einer beispielhaften Jugendhilfekarriere die „verheerende Systematik eines Therapie- und Erziehungssystems“ beschreibt und einige existenzielle Bedingungen für die integrative Arbeit mit jungen Menschen aufzeigt.

Mit den folgenden Beiträgen werden regionale Tellerränder erreicht. Herbert Wiedermann wirft einem Blick auf Familien und Familienpolitik im europäischen Ausland – wir wissen zwar nicht, ob wir von den Nachbarn alles lernen wollen, es gibt aber durchaus interessante Erfahrungen und Modelle. Meinhard Lamp’l berichtet vom Jugendaustausch Hamburg-Prag und Armin Homburg von der internationalen Jugendbegegnung 2005, an der der ASP Am Brunnenhof mit Jugendlichen aus St. Pauli wie schon in den Vorjahren wieder aktiv beteiligt war. Übrigens: Ein Großteil der Bilder dieses FORUM hat Armin Homburg bei den Jugendbegegnungen der letzten Jahre gemacht. Sie geben Einblicke in Aktivitäten und Stimmungen während der Treffen.

Fachliche Tellerränder nehmen zunächst Carla la Mura Flores und Andrea Brebeck in den Blick: die Beratung als Bestandteil einer lebensweltorientierten Praxis Offener Arbeit. Michael Lindenberg kommentiert die Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts zu freiheitsentziehenden Maßnahmen und in ihrem Briefwechsel nehmen Birgit Herz und Christiane Mettlau nationale und internationale Trends und Entwicklungen der institutionellen Erziehung in den Blick. Schließlich weist Jürgen Haug auf eine nur wenig beachtete Form jugendlichen Konsumverhaltens hin.

Nicht auf den Tellerrand gehören einige interessante Veröffentlichungen. Eine davon ist wohl eher ein Fall für den Sofa und/oder Gabentisch: Die Rose von Dornburg, eine Märchengeschichte geschrieben von Kido Kokoscha, einem Kollegen aus der Offenen Arbeit.

Und bitte nicht überblättern: Hinten im FORUM gibt es aktuelle Kurzmeldungen, unter anderem zur Kampagne „Entschlossen offen“.

Wir wünschen allen ein paar schöne vor- und weihnachtliche Tage mit ausreichend Muße und Entspannung zum FORUM-Lesen und ein gutes Ankommen im neuen Jahr!

Manuel Essberger und Maria Kalde